Silicon Valley – ein irres Eintauchen

Eine ganze Woche, voll bepackt mit Vorträgen, Führungen & Workshops im Silicon Valley. Das habe ich gerade hinter mir. Niemals hätte ich mir gedacht, dass diese Woche so tiefgreifende Spuren in meinem Mindset hinterlässt. Ein Kontrast zwischen Modernität und Abgefuckedheit. Design Thinking, Werte, Unternehmenskulturen.

Airbnb, Google, Zendrive, Werqwise, DocuSign, Zappos, LinkedIn, Zoom, Stanford Universität, Plug and Play, die berühmte „HP-Garage“, in der Hewlett & Packard gegründet wurde.

Und alles dreht sich um: Finde eine gute Frage, auf die es noch keine Antwort gibt. Dann kreiere Probleme rundherum – und mache ein Geschäftsmodell daraus.

Warum schaffen das Unternehmen hier und wir in unseren Breitengraden weitaus weniger häufig? Ganz einfach: Es liegt am sehr konträren Mindset und der daraus resultierenden Herangehensweise. Es liegt auch am Sharing (und der Netzwerke). Hier gibt es kein „Inselarbeiten“, sondern man vernetzt sich. Es liegt weiters auch am Umgang der Menschen untereinander. Die Art, wie auf Ideen eingegangen wird. Und: Wie Mitarbeiter behandelt und „gepflegt“ werden. Denn eines hatten die wirklich großen und erfolgreichen Unternehmen gemeinsam: es dreht sich alles darum, dass es den Mitarbeitern gut geht. Erst dann kommt der Kunde. Nicht der Kunde ist König – sondern der Mitarbeiter. Zappos beispielsweise (1.500 Mitarbeiter, Online-Schuhhändler) hat eine ganz außergewöhnliche Unternehmenskultur, die weltweit Aufsehen erregte. Zappos wurde wegen der sehr eigenen Kultur von Amazon gekauft, mit der Absicht, dies auf andere Amazon-Online-Stores zu übertragen. Das Buch „Delivering Happiness“ von Zappos CEO Tony Hsieh ist ein Bestseller. Wenn ein Zappos-Mitarbeiter will, kann er im Schlafanzug kommen. Fitness-Studio, Yoga-Programm, Essen & Getränke fast alles gratis, Arbeitsplatz selbst gestalten, Relaxation-Areas (mit Massage-Stühlen & Co), keine Zeiterfassung (jeder arbeitet nach Projekten und Aufwand)….

Es gibt hier häufig keine Work-Life-Balance sondern ein Work-Life-Blending. Arbeit und Freizeit verschwimmen – weil Menschen sehr oft ihre Leidenschaft gefunden haben, sodass Mitarbeiter intrinsisch motiviert sind. Sie überlegen nicht wie bei uns, wie viele Stunden sie pro Woche arbeiten, sondern sie haben ein Ziel, das sie mit „Passion“ verfolgen. Deshalb bieten etliche Unternehmen alles, was sie im Alltag benötigen.

Begleitet wurden wir u. a. auch von Christoph Burkhardt, ein Deutscher, der im Silicon Valley lebt und arbeitet. Er gilt als „Deutschlands bester Innovationspsychologe“. Seine Vorträge und der „Design Thinking Workshop“ waren grandios. Diese neue Art des Denkens ist extrem motivierend und man merkt selber sehr schnell, wie „begrenzt“ wir Europäer denken. Wir haben nicht gelernt, groß zu denken und wir haben nicht gelernt, zu scheitern.

Nimm dich selber als Beispiel. Wie gehst du deine Ideen, deine Visionen an? In der Regel machen wir zuerst Bestandsaufnahmen & Risikoanalysen; schauen, wie es die anderen so gemacht haben. Wir wollen „auf Nummer sicher“ gehen, nur das packen wir dann auch an. Wir stoppen uns meist vorher aus ANGST – denn wer scheitert schon gerne. Genau DAS machen die Amis jedoch anders. Diese Art von Denke existiert in der Tech-Szene in Kalifornien nicht. Hier gilt die Devise: Wenn ich nicht bereit bin zu scheitern, dann habe ich mir das Ziel nicht hoch genug gesteckt. Der Mut zum Scheitern ist hier der Anfang eines jeden Projektes. Und das spürst du. Bei Google geht das sogar so weit, dass Fehler zelebriert werden – wenn Mitarbeiter vorher den Mut hatten, sich große Ziele zu stecken. Da wird dann im Team gemeinsam zusammen gesessen, besprochen, was man nicht mehr machen würde. Und der, der den Mut hatte, zu scheitern – der wird dann in einem anderen Team als Consultant herangezogen: da er WERTVOLL ist, weil er weiß, was NICHT funktioniert hat. Undenkbar in unserem Mindset hier. Es gibt sogar den gefeierten „google graveyard“ – für alle Produkte und Ideen, die nicht funktioniert haben.

Dieser Mut zum Scheitern und groß zu denken, ist wahrnehmbar bei allem hier. Natürlich ist nicht alles Gold was glänzt. Die Armut und die Obdachlosen in San Francisco sind auch ein Thema für sich. Die Miet- und Grundstückspreise jenseits von Gut und Böse. Mit einem Jahreseinkommen von 250.000 Dollar kannst du einen Antrag auf Mietbeihilfe stellen – denn die schäbigsten Buden kriegst du nicht unter 1-2 Millionen. Menschen nehmen vieles in Kauf für ihren Traum. Aber sie haben Vertrauen.

Für mich wird deutlich erkennbar, dass genau dieses fehlende Vertrauen in sich selbst, oder in die Idee, oder auch auf technische Einblicke zu vertrauen – dass genau DAS den Unterschied macht, ob ich Erfolg habe oder nicht. Warum ist beispielsweise das autonome Auto in Kalifornien entstanden? Nicht weil unsere Techniker hier zu doof sind. Sondern weil es technische Einblicke gab, auf die man ganz einfach vertraut und losgelegt hat (google Streetview, die Nähe zur genialen Stanford Universität….). 90 % der Daten sind auf diese Weise erst in den letzten zwei Jahren (!!) entstanden. Wir in Europa hingegen sitzen oft auf unseren Daten und vertrauen ihnen nicht. Alles zu hundertfach im Vorfeld überprüfen, sagen warum es nicht gehen kann, etc. Das wird vor allem der deutschen Automobilindustrie in den nächsten Jahren noch gravierende Probleme bescheren. Unsere Automobil-Industrie forscht und entwickelt – überspitzt ausgedrückt – offensichtlich an Technologien, die bereits tot sind. „Leichenverschönerung“. Ein beeindruckender Vortrag von Dr. Mario Herger, der dies in seinem neuen Buch hervorragend aufzeigt und recherchiert hat: „Der letzte Führerscheinneuling ist bereits geboren. Wie Google, Tesla, Apple, Uber & Co unsere automobile Gesellschaft verändern und Arbeitsplätze vernichten werden. Und warum das gut so ist.“ Da stellt sich mir die Frage: Wie kann so etwas passieren? Mario Herger ist kein Spion – das was er über Jahre hier recherchiert hat, hätte jeder machen können.

Am Stanford Campusgelände liest du Inschriften wie: „Dedicated to the things that haven’t happened yet and the people who are about to dream them up.“

So passiert Entwicklung. Natürlich brauchen wir auch immer kritische Stimmen die hinterfragen. Brauchen wir vieles davon bzw. ist es „gut“ für die Menschheit. Wobei die Definition von „gut“ auch wiederum sehr subjektiv ist. Wach zu bleiben ist auf jeden Fall wichtig.

Mein Resümee: Wer Großes vorhat, sollte auf alle Fälle mal in diese Welt eintauchen. Es lohnt sich!

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